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Identität im digitalen Zeitalter

Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit schaut in diesem Artikel aus einem etwas anderen Blickwinkel auf die Identität, die sich durch die jeweilige Umgebung flexibel äußert. Er bezieht die zunehmenden Möglichkeiten der Digitalisierung mit ein, die diese Diversität verstärken. Die Identität im digitalen Zeitalter.

Neueste Nachrichten von der Ich-Front

Wie viele Identitäten bekommen wir zusammen – abseits von sozialen Netzwerken und mittendrin? Über die Erfindung des einheitlichen Bewusstseins im europäischen Roman und über sein Ende in den Zeiten des Internets. Die „Süddeutsche Zeitung“ vermeldet, dass bei Facebook unter „Geschlecht“ jetzt neben „Frau“ und „Mann“ fünfzig Möglichkeiten von Identität abgebildet werden. Das muss man sich mal vorstellen! Die Amerikaner trauen sich zu, mit so vielen unterschiedlichen Identitätswahrnehmungen klarzukommen, und bei uns sind die Chefs schon durch zwei überfordert. „Überfordert“ meint, dass die Chefs bei der Frauenquote nicht bis zwei zählen könnten, konkret: der ehemalige Chefredakteur des „Spiegels“, Wolfgang Büchner. Der habe sich für fifty-fifty in der Redaktionsleitung ausgesprochen, dann aber „eine Chefetage mit fünf Männern und einer Frau“ installiert.
Jüngste einschlägige Zeitungsschlagzeilen legen sowieso nahe, von der Frau-Mann-Dichotomie abzusehen. Tatsächlich (womöglich) noch existierende Zweierbeziehungen firmieren in solchen Texten eher unter Krankheiten. Modernes Viel-Ich, gesundes Viel-Ich schläft längst mit allen Geschlechtern. Zwischenzeitlich hat Facebook erhöht auf mehr als siebzig.

Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia

„Ihr seid wie Gespenster, jongliert eine Vielzahl eurer Ichs durch den Lärm – das Ich, das ihr auf Facebook seid, auf Twitter, Tumblr, Tinder, wo auch immer – in eurem Job, den ihr nachts macht, in eurem Hobby, eurer Beziehung, eurer Sexfreundschaft, eurer erstaunlichen Palette an außerschulischen Aktivitäten“, schreibt der britische Ökonom Umair Haque, Direktor der Havas Media Labs in London, gerichtet an seine sich elektronisch vervielfältigenden Schüler.
Nicht dass solche Aufspaltungen ganz neu wären: Das „Multitalent“ oder die besonders „vielseitige Person“ sind alte Bekannte. Aber niemand wäre noch vor einem Jahrzehnt auf die Idee gekommen, von einer „Vielzahl eurer Ichs“ zu sprechen, die man durchs moderne Leben „jongliert“, wenn es sich bloß um den Betätigungswechsel etwa von Twitter zu Facebook handelt.
Daran ist zuerst abzulesen, wie psychische Spaltungen – und ihr Ausgleich untereinander – in der Entwicklung des euroasiatischen sowie des euroamerikanischen Menschentyps im Lauf der jüngeren Geschichte immer sozialverträglicher geworden sind; psychiatrisch nicht auffällig und kein Gegenstand von Ängsten. Um 1900 dagegen bezeichnete das Wort „Spaltung“ (bezogen auf „Spaltungen des Bewusstseins“) einen zentralen pathologischen (drohenden oder tatsächlichen) Zustand der betroffenen Menschen. Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia hing über den Häuptern sowohl der adligen wie der bürgerlichen herrschenden Kasten und Klassen; „Persönlichkeitsspaltung“ und „Doppelgängerwesen“ bestimmten die Literatenängste und Schreibmoden vor und nach dem Ersten Weltkrieg wie auch Teile des frühen Kinos. Objekt einer Ich-Spaltung zu sein war ein angstbesetzter Befund; gekoppelt mit Panik und vorgebracht unter höchstem Leidensdruck.

Die normale Ich-Vielheit

Auch für Sigmund Freud bestand kein Zweifel am pathologischen Charakter der Spaltungs-Phänomene, bestimmt von „Abwehr“ und von „Verdrängung“, zwei psychischen Mechanismen, die er begrifflich zu diesem Zeitpunkt ungefähr gleichsetzte. Und das galt so ähnlich um 1920, 1940, und noch 1960. Die Spaltung grenzte jeweils ans Irrenhaus oder ans Gefängnis.
Was dagegen haben wir heute? Wenn man in die Diskussion bringt, der heutige „Normal-Mensch“ (oder auch Norm-Mensch) sei in der Lage, zwischen verschiedenen Verhaltensweisen und Tätigkeiten in kürzester Zeit hin- und herzuschalten, ohne dass der jeweils verlassene, kurzfristig abgespaltene Zustand das Verhalten im neu eingeschalteten Zustand groß beeinträchtigen würde, bekommt man die eher unerstaunte Antwort: „Klar ist das so. Wo ist das Besondere?“ Ich sind viele.
Als normale Ich-Vielheit würde also etwa dies durchgehen: Ein Mitmensch – bekannt vom Arbeitsplatz, aus der Nachbarschaft, aus dem öffentlichen Leben, ein Er oder eine Sie mittleren Alters, mittelständisch – kann vom Frühstückstisch die Kinder freundlich auf den Schulweg bringen, den (Ehe-)Partner mit Kuss verabschieden, auf dem Weg zur Arbeit ein Date mit anderem Liebespartner vereinbaren, um 10.20 Uhr im Büro ein Aktiengeschäft tätigen, das seine Rendite auch durch Waffenproduktion einfährt; um 10.30 Uhr für hungernde Kinder in Indien spenden sowie für eine Institution, die sich um Kindersoldaten im Kongo kümmert, um 11.30 Uhr einen Untergebenen zur Sau machen wegen lascher Arbeitsauffassung; in der Mittagspause nett zu allen Mitspeisenden sein (für deren Entlassung er in der Sitzung um 14.30 Uhr plädiert, da notwendig im Sinne der Firma); zwischendrin das Blatt lesen, das alle Kriege und soziale Ungerechtigkeiten geißelt; in der Diskussion für eine Partei eintreten, die seine steuerlichen Bedürfnisse am besten bedient (obwohl diese Partei in allen anderen Punkten seinen „Ansichten“ widerspricht).

Das mögliche Viel-Ich

Der Mitmensch mit den vielen Ichs kann in einer Kirche sein oder auch nicht und gewisse damit verbundene Rituale ausüben (ohne dass dies seine übrigen alltäglichen Verhaltensweisen tangieren würde), er kann am Morgen eine Stunde religiös sein und am Abend wieder eine Stunde, eine Stunde Pazifist und Kinderhelfer, eine Stunde Kriegsunterstützer, dazwischen die anstehenden Anwaltstermine wahrnehmen zur „Vermittlung“ einiger dieser Bereiche untereinander und als entschiedener Gegner der Massentierhaltung doch ein Stück Supermarktpute zu sich nehmen bei der Einladung zum Abendessen bei Freunden.
Lauter Dinge also, die als Handlungen eines integralen „Ichs“ ziemlich unmöglich wären, zumindest aber als höchst widersprüchliche erscheinen müssten – sowohl diesem Ich selbst wie auch allen äußeren Betrachtern. Genau dies ist aber bei der Mehrzahl der Heutigen nicht der Fall. Beide spalten den jeweils verlassenen Zustand ab. Sie agieren konzentriert im nächsten Zustand, in angemessener Erfüllung der jeweils zugehörigen Notwendigkeiten. Der vorherige Zustand ist aber, wenn verlangt, sogleich wieder einschaltbar, abrufbar, samt allen zugehörigen Inhalten und Verfahrensweisen. Ohne dass eine Wand dafür überwunden werden müsste. Es geht mit einfachen Türen. „Ich“ bewohnt viele Räume. Und „Ich“ vollzieht die Raumwechsel so, als handelte es sich um eine jeweils andere Person, mit der man eben noch zu tun hatte, obwohl sie dem Augenschein nach in Körperlichkeit, Aussehen und Kleidung noch ganz dieselbe ist.
Dies mögliche Viel-Ich war in den sechziger Jahren schon einem Scharfseher wie Arno Schmidt aufgefallen. Sein Leben sei „nicht bloß durch Tag und Nacht in weiße und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tag ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; „Herr Landrat“ sagt; that’s me!): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ Dies befindet die Hauptfigur von Schmidts Roman „Aus dem Leben eines Fauns“ über sich selbst: Auseinanderfallender Fächer „Ich“.

Was Sigmund Freud dazu sagt

Das Ich als topische Instanz, das Freud 1923 in den Mittelpunkt seiner zweiten Theorie des psychischen Apparats stellt, ist von Anfang an auch als eine Art Abwehrbollwerk gegen das anbrandende Gespaltenheits- und Gespensterwesen konstruiert. So folgerichtig wie paradox kommt Freud, um es für diese Aufgabe mehrschichtiger Konfliktlösungen tauglich zu machen, nicht darum herum, es selbst aufzuspalten: „Die am Konflikt beteiligten Systeme, das Ich als Abwehr-Ort, das Über-Ich als Verbotssystem, das Es als Triebpol, werden jetzt zur Würde von Instanzen des psychischen Apparates erhoben“, betonen Laplanche und Pontalis in ihrem „Vokabular der Psychoanalyse“ von 1976 und fügen sogleich hinzu: „Der Übergang von der ersten zur zweiten Topik schließt nicht ein, dass die neuen ,Provinzen‘ die vorhergehenden Begrenzungen zwischen Unbewußt, Vorbewußt und Bewußt ungültig machen.“
Das 1923 neu aufgerichtete Freudsche Gesamt-Ich dient also sechs Unter-Instanzen als Herberge beziehungsweise als körperliche Hülle. „Das Ich ist vor allem ein körperliches“, hat Freud für die 1927 erschienene Übersetzung von „Das Ich und das Es“ in den englischen Text eingefügt. Folgende Sätze stehen bis heute nur in der englischen Ausgabe seiner Werke: „Das Ich ist in letzter Instanz von den körperlichen Empfindungen abgeleitet, vor allem von denen, die von der Oberfläche des Körpers herrühren. Es kann also als eine seelische Projektion der Oberfläche des Körpers betrachtet werden neben der Tatsache . . ., daß es die Oberfläche des seelischen Apparates ist.“ Das sind Sätze, die sehr in die Nähe dessen führen, was Antonio Damasio gut achtzig Jahre später von der Neurobiologie her formuliert: Das Gehirn „kartographiere“ körperliche Vorgänge und bilde sich nach ihnen aus.
Das Ich wird von Freud einerseits konstruiert als ein die verschiedenen Instanzen ausbalancierender Agent des Realitätsprinzips, als vorwiegend bewusste Instanz also. Es steuert aber auch die unbewussten Abwehrmechanismen: Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen, Projektion, Introjektion, Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Sublimierung. Das ist ein solcher Sack schwergewichtiger Tätigkeiten für die einzelne arme Ich-Instanz, dass sie darunter doch schier zusammenbrechen müsste.

Verliebtheit als Wahn

Damit nicht genug. Auch der zentrale psychische Vorgang der Identifizierung obliegt dem „Ich“. Soll heißen, ohne Identifizierung (mit einem der Elternteile) gibt es keine Lösung des Ödipus-Komplexes. „Ich“ bildet sich also immer auch aus nach dem Vorbild eines Anderen und ist auch von daher immer schon angelegt auf (mindestens) zwei.
Das Ich kann sich selbst aber auch noch anders spalten. Es wird nicht mehr als die einzige personifizierte Instanz im Inneren der Psyche verstanden. Bestimmte Teile können sich durch Spaltung trennen, besonders die kritische Instanz oder das Gewissen: Ein Teil des Ichs stellt sich einem anderen gegenüber, beurteilt es kritisch, nimmt es sozusagen als Objekt. So zerfällt „Ich“ auch noch in einen Teil, der handelt und empfindet, und in einen anderen Teil, der dies beobachtet und unter Umständen kritisiert.
Die Möglichkeit, darüber hinaus das eigene Ich zum Liebesobjekt zu nehmen, hat Freud 1914 in „Die Einführung des Narzißmus“ hinzugefügt. „Ich“ kann sich selbst lieben. Mindestens zwei „Ichs“ in einem also auch hier, wobei zu diskutieren wäre, wie viele Über-Ichs und Es-Instanzen an solcher „Objektwahl“ beteiligt sind. Wir kommen auf leicht sechs psychische Instanzen, die sechs bis zehn andere psychische Instanzen (mindestens) „lieben“ würden. Wobei Freud den Zustand der Verliebtheit grundsätzlich als eine Art „Wahn“ betrachtet: Die Verliebten wären also von sich entfremdet, alles andere als gerade sie „selbst“.

Prügel als Abhärtung

Es wirkt also etwas martialisch – wie mit einer Machete im Unterholz hantierend -, wenn Laplanche und Pontalis in ihrem „Vokabular der Psychoanalyse“ unterstreichen: „Im Vergleich mit dem anarchistischen und zerstückelten Funktionieren der Sexualität, das den Autoerotismus charakterisiert, wird das Ich als eine Einheit definiert.“
Meine Skepsis gegenüber der Freudschen Konstruktion des Instanzen-Ichs ist somit nicht allein in Freuds theoretischer Konzeption begründet als vielmehr in der Wahrnehmung, dass dieses Ich in der Wirklichkeit der Menschen nur sehr selten oder sogar gar nicht anzutreffen ist.
Die Figur des „Nicht-zu-Ende-Geborenen“, die ich dagegengestellt habe, leitet sich her aus negativ erfahrenen symbiotischen Verbindungen in der Dual-Union Mutter-Kind; aus dem Fragment-Körper von Kindern, die sich ausgesetzt fanden in einem angstbesetzten Körper, dem eine libidinöse Besetzung seiner Peripherie (lustvolle Besetzung seiner Hautzonen) – als Voraussetzung der Ich-Bildungsprozesse, wie Freud sie postuliert -, nie gelang. Nie gelingen konnte wegen zu widriger körperlicher und psychischer Umstände: Vernachlässigung, Strafen, Drohungen, Prügel; Prügel wegen Bettnässens, nächtlichen Schreiens, Prügel wegen allem, Prügel als Abhärtung.

Der Dichter als gespaltenes Ich

Das Nicht-zu-Ende-geboren-Werden zeigt sich in negativen Symbiosen, die, um das Leben erträglich zu machen, umgewandelt werden in eine zwanghaft hierarchische Ordnung der Welt; letztlich durchgeführt im militärischen Drill, der das symbiotische Nicht-Ich umwandelt in ein muskuläres Körper-Ich ohne innere psychische Integrationsinstanzen von Wirklichkeitsformen, die von der eigenen abweichen: der politische Faschist als Resultat dieses Körpers des Nicht-zu-Ende-Geborenen. Er ist angewiesen auf Formen des Kommandierens und Gehorchens, wobei der eigene Körper, um nicht in unintegrierbaren Formen der Affekte unterzugehen – verschlungen zu werden etwa vom erotischen „Weiblichen“ – sich selbst zunächst in die Kommandoposition phantasiert und sich dann in politischen Gewaltaktionen auch körperlich-institutionell dahin katapultiert. Unter den tatsächlichen Menschen dominierten das zwanzigste Jahrhundert hindurch Borderliner, „Psychotiker“, Menschen mit fragmentierenden Körpern, ständig bedroht von massiver Destabilisierung.
Im Unterschied dazu gehört heute eine gewisse Menge von Abspaltungen zum Repertoire des „Normalen“. Der rasend mordende „Fragmentkörper“ der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist weitgehend einem „demokratisch ausbalancierten“ gewichen; wobei „demokratisch“ heißt: Unintegrierbare oder miteinander unkompatible Ich-Teile oder Ich-Zonen müssen nicht unbedingt miteinander vermittelt werden. Sie bestehen wie verschiedene Parteigebilde mit verschiedenen Namen nebeneinander; sie können sich bekämpfen. Sie können auch miteinander koalieren oder sich ignorieren; ihre Bedeutung kann zu- oder abnehmen, je nach den persönlichen und sozialen Lagen dieses Mehrfach-Ichs, das „ich“ stattdessen Segment-Ich nennen würde. Das Wirken des Segment-Ichs ist zu betrachten im Körper all jener Personen, die in unserer Sozialität als „Gesunde“ gelten, also an jedem von uns.
Dem Dichter werden von Freud Spaltungen seines Ichs zugestanden, weil er in der Lage ist, aus dem, was beim „Normalmenschen“ eine Bewusstseinsstörung wäre – eine Art Wahnsinn -, Kunst herzustellen; auf welchen Wegen auch immer, jedenfalls aber mit Hilfe von Ab-Spaltungen, die über Selbstbeobachtung laufen.

Ursprung des Ichs im Roman

Diese Formulierung führt zu einer Wahrnehmung, die im Jahr 2011 der Literaturwissenschaftler Benjamin Bennett aus Charlottesville seinen Lesern unterbreitet, wenn er diagnostiziert: Das „Ich“ im Freudschen beziehungsweise im Kantschen Sinn sei eine Erfindung des europäischen Romans, einsetzend mit den Personenentwürfen Samuel Richardsons und Jean-Jacques Rousseaus von etwa 1740 an, also mit Entwicklungen innerhalb der werdenden bürgerlichen Gesellschaft, die später unter dem Begriff Aufklärung gefasst werden. Vorher, so Bennett, gebe es dieses Ich nicht.
Das „Ich“ ist also eine durch und durch historische Konstruktion, vorgetragen und verfestigt in einer schon vor Freud gut 160 Jahre andauernden Reihung von Erziehungs- und Bildungsromanen. Die Meilensteine dieser mit Samuel Richardsons „Pamela“ 1740 in England einsetzenden Kette sind so oft angepeilt worden, dass eine Liste ihrer Namen und Titel ausreicht, um als literarische Fundamente für Freuds Theorie der Person gelten zu können: Nach Richardsons nächstem Modell-Ich Clarissa kam Henry Fieldings Tom Jones (Geschichte eines Findelkindes), Rousseaus Julie oder die neue Heloise über Goethe, Jean Paul, Balzac, Dickens, Flaubert, Fontane, Thomas Manns Zauberberg bis hin zu den heutigen eher zahllosen Biopics – eine Sequenzierung immer gleicher Erfahrungs- und Psychoelemente, dann aber unterbrochen von Musil und Joyce, in denen Bennett dieses Ich-Konstrukt „überwunden“, abgelöst sieht durch Konfigurationen, die Freuds beziehungsweise Kants spezifische Subjektkonstruktion wieder auflösen.
All dies wirft nicht nur ein besonderes Licht auf Freuds bekannte Nähe zur Literatur. Es besagt, dass die Figur Freud ohne die vorangehende Instanz des Romans als Instanzen-Konstrukteur eines euroamerikanischen Ichs gar nicht hätte entstehen können, weder in Wien noch anderswo. Die Helden der bürgerlichen Geburts-Instanz heißen nicht Herakles, nicht Helena, nicht Odysseus. Sie heißen Émile, Julie, Pamela, Clarissa, Tom oder Wilhelm. Romane, bevölkert von (ehemals göttlichen) Frauen, die – erstmals in der Geschichte – nichts Anderes und Schöneres kennen und wollen, als bürgerliche Menschen zu werden, bürgerliche „Ichs“.

Der Schritt zum Mehr-Ich

Die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ setzt den historischen Vorgang „Alle Götter werden Menschen“ voraus. Dass alle Traumfiguren Teile des Träumers selbst repräsentieren würden, ist eine Erkenntnis Freuds. Das Gleiche lässt sich sagen vom Roman: All seine Figuren sind (mehr oder weniger) abgespaltene Teile des Ichs des Romanhelden (der Romanheldin). Alle bilden Facetten von deren „Ich“, dessen Neubau am Ende triumphieren soll. Die bürgerlichen Romane sind in aller Regel keine Tragödien.
Arthur Rimbauds von allen Seiten immer wieder angeführter Satz vom Ich, das „ein Anderer“ sei – die Phase des Konstruktionsaufbaus des neu-europäischen Ichs entschlossen hinter sich lassend -, ist nicht gelesen worden als die Intervention in das Wesen des Romans, die der Satz tatsächlich ist. „Ich ist ein Anderer“ ist der Aus- und Einspruch eines Lyrikers, gezielt auf das Wesen der Institution Roman. Er ist formuliert am 13. Mai 1871 in einem Brief an Georges Izambard, dem Rimbaud hier eröffnet: „Ich habe mich als Poet erkannt.“ Als solcher erklärt er: „Es ist falsch zu sagen: ICH denke: man müsste sagen: ES DENKT MICH.“ Das Ich des Lyrikers ist somit erklärtermaßen nicht das der nach Einheit und Realitätskontrolle ringenden bürgerlichen RomanheldInnen. Man suche Freud nach Lyrikern ab – weitgehend Fehlanzeige, bis auf ein paar Schnipsel Heine.
Kurz: Der Schritt vom „Ich ist ein Anderer“ zum Mehr-Ich, zum zersprengten Ich, vollzieht auch einen Genrewechsel; zunächst durch Lyriker wie Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine, Rilke, Benn, Ezra Pound, T. S. Eliot, Paul Valéry, schließlich auch bei Romanciers wie Joyce, Céline oder Henry Miller und setzt sich fort in der Behauptung, körperlich-existentiell gar kein Ich zu repräsentieren wie bei Musils oder Kafkas „eigenschaftslosen“ Figuren, Männern wie Frauen.

34 Gespräche in sechs verschiedenen Medien

Aus Zustandswechseln – der heute offenbar geläufig gewordenen Kulturtechnik sequentieller Ich-Spaltungen – dürfte die Flexibilität des modernen (West-)Menschen in seinem Alltagsverhalten resultieren, seine multiplen Verhaltensweisen, die nicht von einem „integrierenden Ich“ umfasst sind, nicht von einem solchen „zusammengehalten“, also auch nicht von ihm behindert werden. Der „fragmentierende Körper“ heute löst seine psychophysischen Probleme eben nicht mehr mit der motorischen Muskelarbeit des Drills; auch nicht mit der Phantasie eines überwölbenden Großkörpers unter dem Oberbegriff „Charakter“ und auch nicht durch den sportiven Ersatz-Drill im Trainingscenter. Er löst sie in der Regel durch seine Aufspaltung in verschiedene gut funktionierende Subsysteme; er löst sie durch seine Multifunktionalität.
In einem Buch von Nicholas Carr über die Auswirkungen des Internets auf unsere Hirnstruktur finde ich die hier beschriebene Entwicklung parodiert in einem speziellen Gebrauch des Begriffs „multitasking“. Das Netz, so zitiert Carr dessen Propagandisten, führe vielleicht zu einem Verlust an Konzentrationsfähigkeit; dafür würden wir neue Fähigkeiten erwerben, etwa die, „34 Gespräche gleichzeitig zu führen in sechs verschiedenen Medien“. Die amerikanischen Studenten, die ich danach frage, zögern einen Moment, dann kommt: „„Ja, vier bis fünf Gespräche gleichzeitig“ würden sie schaffen, mittels ihrer diversen verfügbaren Medien.
Den Bedürfnissen dieses Segment-Ichs ist die heutige innere Organisation demokratisch-technologischer Gesellschaften angepasst. Da ein normensetzendes Zentral-Ich als verbindliche Verhaltensinstanz zwar noch gefordert, aber nicht mehr durchgesetzt werden kann, sehen sich heutige Verhaltenslehre und die Rechtsprechung gezwungen, mehr und mehr gesellschaftliche Spielräume zu öffnen oder zu legalisieren, die bis vor kurzem noch als verbotene galten. Heute ist so gut wie alles erlaubt, was nicht allzu auffällig die geforderten Arbeits- und Wohnabläufe des sogenannten Normalbürgers stört. Die entscheidende Einschränkung lautet: Es muss in Enklaven passieren, in jeweils eigens errichteten gesellschaftlichen Spezialräumen, die nicht jedem zugänglich sind. Man könnte auch sagen: in Parzellen oder Milieus, Communities, Clubs oder Privatstaaten. Das gilt für so gut wie jede Sexualitätsform wie für die diversen Formen des Drogengebrauchs. Der hyperliberale Schnack von „jedem nach seiner Fasson“ – dem preußisch-königlichen Staatsterroristen Friedrich „dem Großen“ zugeschrieben und da allein auf die Ausübung religiöser Rituale beschränkt – ist seit den achtziger Jahren zunehmend materielle Realität geworden unter der Einschränkung: jeder in seiner Enklave.
So hat die gesellschaftsorganisatorische Moderne der technologischen Kulturen die Aktionsspielräume für das segmentierte Ich erheblich erweitert und dehnt sie ständig weiter aus; nicht nur in den Bereichen, die noch kurz zuvor als verbotene galten. Die ganze Gesellschaft wird zunehmend segmentiert in Spezialbereiche, Spezialistenbereiche. In der heute mittelständisch vorherrschenden Personenstruktur erscheinen wir seitdem als Funktionalitäten solcher Aufspaltungen. Die Aufspaltung der Gesellschaft in organisierte Spezial-Enklaven bedient ein Bedürfnis, und sie schützt zugleich. In der Parzelle brauchen wir nur die Parzelle zu denken. Würden wir an alles andere auch dauernd denken, es wäre unaushaltbar.

Klaus Theweleit ist Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker. Zuletzt erschien von ihm „Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust“, St. Pölten 2015. Der abgedruckte Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, der auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Berlin gehalten wurde.

QUELLE: 26. Mai 2015, Frankfurter Allgemeine Zeitung
www.faz.net

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