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Identität – Frau werden

Moira Frank erzählt auf eine unnachahmliche Weise von ihrem beschwerlichen Weg zum heutigen Ich. Besonders auffällig ist ihr Umfeld, das sie nie für voll genommen hatte. Die dadurch in ihr erschienene Unsicherheit führte zu einer Selbstbefragung ihrer eigenen Identität. Heute zeigt sie, dass sie nicht in irgendein Raster gehört, sondern eines ist: individuell und einzigartig. Und „es ist okay“ so. Ein Format, das zum Nachdenken anregt.

Identität – Frau werden

Ich trug Kleidung für Jungen. Ich war laut, grob und hässlich. Ich verliebte mich in ein Mädchen. Niemand verbot mir das Anfang 20 sah ich mich erstmals als Frau.

Dieser Text ist zuerst in Die Epilog — Zeitschrift zur Gegenwartskultur erschienen.
Wir waren vierzehn und auf Klassenfahrt. Die Mädchen aus meiner Klasse schminkten mich und zogen mir ein geliehenes Kleid an, das mir im Rücken zu eng war. Ich saß still auf der harten Matratze der Jugendherberge, ließ mir Wimperntusche und Lipgloss auftragen und das Haar kämmen, lang und blond und schön, bis es elektrisiert war.
Ich fühlte mich groß und klobig, wie ich mich fühlte, wenn ich zu enge Jeans trug oder ein T-Shirt, unter dem mein Bauch sich ein wenig wölbte und meine Brüste flach und merkwürdig aussahen, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie Brüste waren oder bloß Babyspeck.
Ein Teil von mir war anderswo, seit ich in die Pubertät gekommen war. Ich fühlte die gleiche apathische, harmlose Abwesenheit, mit der man aus einem fahrenden Zug in die Landschaft starrt und an nichts denkt. Als würde ich mir selbst von außen zusehen. Mit zehn Jahren war ich in einem heißen Sommer auf einer Ferienfreizeit noch ohne T-Shirt herumgelaufen.
Jetzt trug ich einen BH, den ich nicht gebraucht hätte und der mir in die Brust schnitt. Als meine Freundinnen das Gesicht verzogen, fing ich an, mich zu rasieren, die blass behaarten Beine bis auf die Oberschenkel. Ich versuchte, mein Schamhaar mit der Nagelschere zu kürzen, aber ich stach mich und es juckte. Wenn ich kurze Hosen trug oder schwamm, war ich überzeugt, dass alle meine Beine anstarrten. Die Linie meines Badeanzugs im Schritt. Die flache Wölbung meiner Brüste.

Mit elf verfolgte mich das erste Mal ein Mann

Das Schwimmbad war der einzige öffentliche Ort, an dem ich eindeutig als Mädchen erkennbar war. Ich war elf, als mir ein Animateur in einem großen Freibad aus dem Pool auf die Liegewiese folgte, bis er sah, dass ich nicht allein da war. Die Jungen, mit denen ich im Dorf aufgewachsen war, laut, witzig und harmlos, begannen ihr neues Gesicht zu zeigen. Erwachsene Männer betrachteten mich von den Füßen bis zu den Brüsten.
Die Mütter meiner Freundinnen wiesen mich an, aufrecht zu stehen, meine krummen Schultern zurückzurollen. Ein Familienvater auf einem Klassenfest riet mir zu einem besser passenden BH. Ich wurde seltener für einen Jungen gehalten. Ich definierte mich nicht mehr instinktiv selbst. Andere übernahmen.
Als ich meine Regel bekam, zitierte meine beste Freundin ein populäres Aufklärungsbuch für Mädchen: „Willkommen im Club!“ Aber es machte mich nicht froh, jetzt mit den anderen Horrorgeschichten über falsch eingeführte Tampons erzählen zu können. Ich wollte mir nicht von gutmeinenden Erwachsenen anhören, dass meine Periode der Weg meines Körpers wäre, mir zu sagen, dass ich gesund wäre. Gebären könnte, wenn ich wollte. Zur Frau reifte.
Ich entwickelte heftige Periodenschmerzen. Mein erster und einziger Frauenarzt, einer von vielen unangenehmen männlichen Ärzten, fragte mich aus einer Liste ab: Wie mein Sexleben aussähe. Ob ich Drogen nähme. Ob ich schon einen Freund hätte. Ich könne ihm der ärztlichen Schweigepflicht wegen alles erzählen. Als er mich allein ließ, damit ich mich für die Untersuchung ausziehen konnte, haute ich ab. Die Hausärztin verschrieb mir eine Pille. Die Schmerzen wurden erträglich.
Ich misstraute meinem Körper von Kopf bis Fuß
Eine Menge Dinge passierten. Es war viel Gutes dabei und erste Anzeichen von Persönlichkeit, von Selbstbild, von Erwachen. Mit sechzehn outete ich mich, in einem verzweifelten Versuch, mich dadurch zu bewahrheiten. Alle Welt war bereit, mir zu versichern, dass Mädchen ganz natürlich intimer mit Mädchen seien und Ausprobieren nur natürlich wäre. Ich nickte.
Ich driftete durch mein Leben und war froh, wenn andere das Steuer übernahmen. Ich musste weniger denken. Ich musste mich weniger schämen. Ich misstraute meinem Körper von Kopf bis Fuß und meinem Kopf besonders, und andere waren schnell dabei, mich zu bejahen.
Die Male, die ich zurückschlug und meine Gewalt als groß und schrecklich bewertet wurde, weil ich kein Junge war, waren die kathartischsten Momente meiner Jugend. Rache und Freundschaft und die vorsichtige Nähe derer, die mich noch weniger begreifen konnten als ich mich selbst, es aber dafür vielleicht wollten. Die Aussicht, mit genügend Make-up aus dem Durcheinander, das ich war, eine hübsche junge Frau machen zu können, vergessen ließ, dass sie mich eigentlich für eine tickende Zeitbombe hielten, für die sie später bei einem Lehrer Hilfe durch einen Schulpsychologen erfragten.

Im Studium war ich die Feministin hinten im Seminar

Im Studium setzte ich die Pille ab. Die Schmerzen kamen zurück. Ich kaufte mir Rasierschaum, der nach Mangos roch. Nach zwei Jahren hörte ich auf, mich zu rasieren. In der Zwischenzeit emanzipierte und verliebte ich mich. Ich ließ mir Theorien nicht mehr in die Hand reichen, sondern nahm sie mir selbst. Ich schrieb. Ich war die Feministin hinten im Seminar. Ich traf und sah andere Frauen, die mich an mich erinnerten. Ich steckte in Männerkleidern, meinen Kleidern, und hörte zum allerersten Mal, ich sehe gut aus und nicht, dass ich gut aussehen könnte, wenn. Ich dachte, ich würde verarscht.
Ich schnitt endlich mein Haar.
Mit zwanzig outete ich mich zum zweiten Mal, diesmal mit Sicherheit. Dieses zweite Mal, groß und schwer für mich, zwang viele, die es vorher nicht getan hatten, mich ernst zu nehmen.
Ich schnitt endlich mein Haar. Ich hatte es über zehn Jahre wachsen lassen.
Wenn ich je über meine Jugend verbittert war, dann ist davon außer ein paar Spitzen nur eine Ahnung übrig. Eine Basis. Heute betrachte ich sie von außen, von bequem weit weg. Ich hatte es leichter als andere Frauen. Ich bin nicht trans. Ich bin weiß. Ich habe keine Behinderung. Ich wurde nicht misshandelt. Es geht mir gut. Es ging.
Was mich nicht loslässt, ist, dass ich die Frage danach, was oder ob da überhaupt etwas falsch gelaufen ist, nicht zufriedenstellend beantworten kann. Nicht für mich, weil es mir selbst schwerfällt, und nicht für meine Familie, meine Freunde, mein semiliberales Dorfumfeld, weil es so tief, so anders, so persönlich ist. Niemand hat mich mit bewusster offengelegter Absicht daran gehindert, ich selbst zu sein. Ich hatte die Memo nicht gekriegt, dass ein Mädchen sein mehr bedeutete als einfach nur zu sein.

Die Homophobie zermürbt einen

Ich kann ausführlich davon berichten, wie schwer, krass und fremdartig es für mich war, so etwas augenscheinlich lächerlich Simples zu tun wie in der Öffentlichkeit ein Kleid oder einen Badeanzug zu tragen, aber ich weiß, dass es kaum jemand wirklich verstehen können wird. Nicht, wenn die meisten nicht einmal begreifen können oder wollen, warum meine Liebe zu Frauen sogar vor meinem ersten Outing schon relevant war. Warum ich nicht einfach sein kann wie alle anderen. Oder mich zumindest so benehmen.
Lange, bevor ich erstmals in irgendeiner Weise entdeckte, dass ich auf Frauen stand, war es vielen klar, irgendwie. Tomboy. Mannsweib. Jungssachen. Als ich das erste Mal das Konzept und den Akt Homophobie in einem Erlebnis zusammenführen konnte, kam mir das alles verdammt bekannt vor.
Es ist dem Stress und der Angst und dem tiefsitzenden Wissen, dass etwas mit mir nicht stimmt, völlig egal, ob es nur in meinem Kopf ist und ich das peinlich berührte, schockierte oder verbissene Schweigen meines Gegenübers in meiner antrainierten Paranoia dann fälschlicherweise als Feindseligkeit interpretiere, oder ob ich tatsächlich auf spürbare, sichtbare, hörbare Ablehnung treffe. Das Erste ist eben nur der Reflex auf das Zweite. Es zermürbt einen.
Es gibt nicht den einen Satz, das eine Magazin, den einen Essay, der alles hinbiegt
Ich war und bin nicht das einzige Mädchen mit diesen Zweifeln und Ängsten, und wenn ich das alles schon nicht meinem jüngeren Ich sagen kann, dann anderen. Alle, die es betrifft, und alle, die denken, es betrifft sie nicht. Ich schreibe heute über Mädchen und Frauen voller Energie und Kraft und Wut und Selbstzweifel und Liebe, weil ich selbst nie die Kraft gehabt hätte, die Dorflesbe zu werden.
Es gibt keine perfekte Lösung. Es gibt nicht den einen Satz, das eine Magazin, den einen Essay, der alles hinbiegt. Irgendwo wird der Zweifel bleiben. Einiges an mir wird immer anders bleiben, und dieses Anderssein wird auch immer ein Stückweit bedeuten, sich anders im schlechtesten, untrendigsten Sinne zu fühlen, nämlich falsch und fremd und allein.
Ich bin nicht feminin, nicht hetero, nicht das, was eine Frau angeblich zu sein hat. Ich lerne, mich mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu sehen, mit der ich mich als Kind empfunden habe. Es ist okay, keine Kleider zu tragen. Es ist okay, sich im eigenen Körper nicht hundertprozentig zu erkennen. Es ist okay, Frauen zu lieben. Ich bin froh darüber, wer ich bin, und ich bin nicht allein und werde es nie wieder sein. Ich wünschte nur, der Weg hierhin wäre leichter gewesen.

QUELLE: 20. Mai 2017, ZEIT Campus
//www.zeit.de/campus

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