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Die Liebe zur Nation ist ein Problem

Ja, auch die nationale Identität spielt in der heutigen Zeit wieder eine übergeordnete Rolle. Der freie Journalist und bekennende Anti-Nationalist Houssam Hamade analysiert in seinem Artikel das „Deutschsein“ und bezieht sich auf eine Kolumne von Alexander Grau. Seine Erkenntnis, dass Identitäten nationaler Natur, insbesondere in Deutschland, ein Problem darstellen, begründet er mit der Überbewertung derer und sieht eine große Gefahr im „Anderen“ und „Eigenen“.

Die Liebe zur Nation ist ein Problem

Wer den Nationalismus verteidigt, verkennt dessen Gefahren. Anstatt kulturelle Gemeinsamkeiten überzubewerten, sollten wir uns darauf besinnen, dass auch andere Faktoren als das Deutschsein das Selbstbild definieren
Wir leben in schlimmen Zeiten. Aber schlimme Zeiten haben auch eine gute Seite: Sie regen dazu an, grundsätzlicher über die Dinge nachzudenken. Beispielsweise wird derzeit viel über das „Deutschsein“ diskutiert. Das hat auch Alexander Grau in seiner Kolumne getan, wo er feststellt, dass das Deutschsein insgesamt doch eine wichtige Sache sei. Man merkt ihm darin an, dass er sich bemüht, die Argumente der Gegenseite in seine Rechnung mit einzubeziehen. Das ist eine gute Sache, nur ist ihm das nicht ganz gelungen. Zumindest nicht aus der Sicht der Gegenseite. Darum möchte ich hier – als bekennender Anti-Nationalist – versuchen, auf den Dialog einzugehen, den Alexander Grau angestoßen hat.
Dass „Deutschsein“ nichts „natürlich Gewachsenes“ ist, das gibt er zu. Es sei ein kulturelles Konstrukt, dennoch sei die Abstammung wichtig für die Menschen. Denn diese definierten sich nun einmal überwiegend über ihre Herkunft, und „verschiedene Formen der Überlieferung“. Damit hat er Recht. Es ist sicher ein Fehler, anzunehmen, dass „Deutschsein“ überhaupt keine Rolle spiele. Schon Witze funktionieren sehr oft nicht, wenn sie übersetzt werden. Man zupft dabei an feinen Fäden, die jemand von weither oft nicht versteht.
Diese feinen Fäden gibt es. Sie sind durch Kommunikation entstanden, durch gemeinsam gehörte Erzählungen. Allerdings lassen diese feinen Fäden eben doch Variationen in alle Richtungen zu. Sie sind keine Bauanleitungen. Auf Eigenschaften der Menschen und ihren Charakter lässt sich damit nicht schließen. Menschsein ist dafür zu komplex.

Deutschland war niemals homogen

Das zeigt sich auch an Graus Beispiel: Gerade das kritische Verhältnis zu sich selbst sei etwas spezifisch Deutsches. Dazu zitiert er Nietzsche und Schopenhauer. Aber Schopenhauer mochte eigentlich niemanden so richtig und zu Nietzsche gehört auch das Konzept des Übermenschen, der zu seiner eigentlichen Größe findet, indem er das kleinliche (christlich-jüdische) Mitleidsdenken hinter sich lässt. Welcher Nietzsche ist denn nun deutsch? Und von den vielen Millionen Menschen, die 1933 die Nazis gewählt haben, kann man kaum behaupten, sie wären besonders selbstkritisch gewesen. Es stimmt wohl, dass die Deutschen ein gestörtes Verhältnis zum Nationalgefühl haben. Aber warum soll das kein Fortschritt sein? Wem nützt denn ein gemeinsames Nationalgefühl?
Es ist ja ein weit verbreiteter Mythos, dass Menschen sich generell über ihre Nationalität definieren. Fragt man etwa einen Experten für Migrationsgeschichte wie Jochen Oltmer, stellt dieser fest, dass sich beispielsweise deutsche Auswanderer in die USA eben nicht als Deutsche dort zusammengefunden haben, sondern als Schwaben, Pfälzer, als Katholiken und Protestanten, als Freunde und Verwandte. Er erzählt, dass sich früher die Menschen in den deutschen Ländern auf Grund ihrer Dialekte kaum gegenseitig verstanden haben. Diese kulturelle Einheitlichkeit wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts mit viel Mühe über Schulen, Militär, gemeinsames Liedgut und andere Mittel hergestellt. Und auch das schaffte keineswegs eine homogene Einheit.

Das Deutschsein ist etwas höchst Künstliches

Im Gegenteil: Das Deutschland der Weimarer Republik war zerrissener, als man es sich heute vorstellen kann, auch wenn wir dem derzeit wieder näher kommen. Die Leute schlugen sich aufgrund verschiedener Wertvorstellungen die Köpfe ein. Auch früher gab es Polen, Juden und Russen, die anders und nicht deutsch genug waren und für Vergewaltigungen und Kindsmord verantwortlich gemacht wurden. Selbst Katholiken und Protestanten misstrauten sich bis in die Nachkriegszeit hinein. Das Deutschsein war etwas höchst Künstliches und musste mit Gewalt hergestellt werden.
Auch heute sind die Unterschiede innerhalb der Gruppen größer als zwischen den Gruppen. Großstadtlinke in Deutschland haben mit Großstadtlinken in der Türkei durchschnittlich mehr gemeinsam als mit Millionären und Rechts-Wählern in Deutschland. Diese Unterschiede sind viel stärker als die feinen Fäden des Deutschseins. Die deutsche Schublade mag ihre Vorteile haben, aber sie verzerrt auch die Wahrnehmung. Wie könnten sonst anti-aufklärerische Stimmen wie die von Thüringens Afd-Chef Björn Höcke ausgerechnet die Aufklärung für sich in Beschlag nehmen? Wie können es antisemitische Kräfte innerhalb der AfD wagen, sich auf eine christlich-jüdische Tradition zu berufen? Und wie passt ein Nietzsche in diese Tradition, der sie ja überwinden wollte?

Viele Wege, die eigene Identität zu begründen

Es geht nicht darum, dass das Deutschsein überhaupt keine Rolle mehr spielen sollte. Oder dass eine Gesellschaft ausschließlich auf universalen Werten wie Vielfalt und Toleranz zu gründen sei. Das wäre tatsächlich unhistorisch und wirklichkeitsfremd. Das Deutschsein spielt eine Rolle, so wie Geschlecht, Alter, Biografie, Bildung, sozioökonomische Position, regionale Abstammung und der freie Wille eine Rolle spielen. Es gibt tausend Wege, die eigene Identität zu begründen.
Das Deutschsein ist davon aber einer der gefährlichsten, denn er ist verwoben mit Strukturen der Macht und der Ausgrenzung. Identität braucht den „Anderen“ um das „Eigene“ zu manifestieren. Wenn solche Identitäten dann an etwas hängen, was von vielen als absolut und natürlich angesehen wird, wofür es sich zu kämpfen lohnt, dann wird es gefährlich. Das „Volksverräter“-Gebrülle aus Dresden und anderswo klingt doch allen Freunden demokratischer Werte schmerzhaft in den Ohren. Das Konzept der Volksgemeinschaft muss zwar nicht zu brutaler Ausgrenzung führen, es lädt aber dazu ein. Man muss kein Problem mit den feinen Fäden des Deutschen haben, aber man sollte ein Problem damit haben, diese überzubewerten, so wie es leider sehr viele Menschen tun.
Das Nationalgefühl ist eine große Macht. Selbst der Kommunistenführer Mao Zedong bediente sich ihrer ganz bewusst, um seine Schlachten zu gewinnen. Wäre es nicht besser, die feinen Fäden zwar nicht zu leugnen, aber eben feine Fäden sein zu lassen, und sich, wenn es um Regeln für die Gesellschaft geht, besser auf aufklärerische Werte zu berufen, die Deutschland eben keineswegs für sich allein gepachtet hat? Dann sollte es auch überhaupt kein Problem sein, wenn die Welt neue Fäden spinnt, die sie wenigstens teilweise zusammenwachsen und die Menschen andere Witze und Perspektiven verstehen lässt.

QUELLE: 9. Oktober 2016, Cicero
www.cicero.de

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